Poemaroid – Sofortbildphotographie trifft assoziative Poesie


Zahlreiche Kunst-Projekte unterschiedlicher Art hat Wilfred H.G. Neuse im Laufe seines fotografischen Lebens konzipiert und realisiert. Eine der Grundlagen und Interessen seines Schaffens bildet dabei die Polaroidphotographie, für die er ein besonderes Faible und Feingefühl entwickelt hat. Ein Stück weit bildet dieses kontinuierliche Schaffen auch sein photographisches Gedächtnis, seine künstlerische „Verinnerung“.

Die handwerkliche Auseinandersetzung des Düsseldorfer Fotokünstlers sowie sein kreativer Umgang mit diesem speziellen Medium führt immer wieder zu ausdrucksstarken Projekten und Kunstserien wie z. B. die „Painterroids“ oder „Feuchte Kammern“. Seit nunmehr über 30 Jahren experimentiert – oder besser – spielt Neuse mit den Möglichkeiten des Sofortbildes, ringt ihm mit thematischen Zuspitzungen oder technischen Einflussnahmen neue Sichtweisen ab.

Ob Neuse dem Sofortbildgedanken durch das Ablichten von laufenden TV-Bildern eine dokumentarische Ebene eröffnet oder das Material während oder nach der Entwicklung manuell oder mit technischen Hilfsmitteln bearbeitet, um in den fotochemischen Prozess einzugreifen, stets entsteht bei seinen künstlerischen Interventionen eine neue, verblüffende, mitunter irritierende Realität, die aus dem eigentlichen „Schnappschuss“ hervortritt und den Betrachter zum Dialog herausfordert.

Er mutet dem Polaroid mehr zu, als man gemeinhin erwarten würde. Er ritzt, sticht, quetscht die Photographien, setzt sie Hitze, elektromagnetischen Wellen und Pressluft aus, um den Zufall als spontanen kreativen Impuls an der Gestaltung seiner Kunst mitwirken zu lassen.

Der Fotokünstler nennt mittlerweile ein Archiv von hunderten/tausenden solcher Polaroids sein eigen. In seinem neuesten Crossover-Projekt „Poemaroid“, das als work in progress Konzept mit dem Autor Thomas Schubert angelegt ist, heben die beiden nach und nach die bestehenden Sofortbildschätze und beleben sie im Zusammenspiel von Fotokunst und Literatur neu.

Der Texter, Thomas Schubert, nähert sich den ausgesuchten bildlichen Vorlagen intuitiv, lässt einzelne Bilder oder Serien auf sich wirken und schreibt assoziativ lyrische Texte dazu, die entweder völlig frei oder durch Hintergrundinformationen von Neuse unterstützt, die Bilder poetisch kommentieren bzw. diesen neue inhaltliche Interpretationen und Ebenen hinzufügen.

„Poemaroid“ wächst auf diese Weise zu einem kreativen Foto-Kunst-Projekt, das seinen Reiz und seine Spannung durch den künstlerischen Dialog gewinnt. Statt ihre Arbeit mit inflationär verwendeten Modeworten wie „Storytelling“ oder „Narrativ“ zu titulieren, bezeichnen Neuse und Schubert ihr gemeinschaftliches Werk schlicht als inspirierende Begegnung von Photographie und Poesie, die „Bildsprachen“ mit „Wortbildern“ vereint und so für den Betrachter einen neuen Horizont aufzeigt, der durchaus auch weitergedacht werden kann.

Tauchen Sie ein in die Tiefen der Bilder und Texte. Empfehlen Sie uns weiter und/oder schreiben Sie uns Ihre Intentionen dazu an info@poemaroid.com


Poemaroid-Galerie

Sehvogel
Benjamin on my mind
Good Old Beach Times
Sinn Bild

Ceci n’est pas une photo
Postkarte postscriptum
Dancing Chairs
Basar der Erinnerung

Der Fotograf lebt
Flammender Appell
Refugee TV
Stars and Stripes decodiert
Jagdfieber
Lolaroid-Phantasie
Das Wunder von Köln
Mittag bricht wie Marmor
Little Heroes
Morituri te salutant

Aus heiterem Himmel
photos graphein
Sundowner
Kretas Kreuzwege
Neuses Gravur

Kurs
Melting Hands
Groen
Women under pressure


Sehvogel

Auf der Leinwand Polaroid
posieren stolz edelste Farben.
Wie ein Pfau sein Rad schlägt,
fächert sich das Foto auf,
als richte es seine Federn,
um jeden Blick zu irritieren.

Temperaschichten, pinselgleich,
flattern wild durcheinander.

Welch seltener Vogel von Bild
breitet da seine Flügel aus,
erhebt sich, schwebt, gleitet
davon ins geöffnete Auge
des Betrachters, tief hinein,
dorthin, wo das Sehen
sich aufs Seltsame stürzt.


Benjamin on my mind

I
Frag den Philosophen,
ob er jemals einsam war.
Er wird sagen:
Solange Gedanken
an meinem Tisch sitzen,
sich versammeln zum Austausch,
berauscht von der Möglichkeit,
das Unmögliche zu begreifen,
das Unfassbare
in Worte zu fassen,
könnte ich nicht mehr
Gemeinschaft empfinden
als in der stillen,
beredten Gesellschaft mit mir.

II
Was du auch erschaffst, Mensch,
nichts ist mehr solitär,
seit die Technik dein Werk wandelt
zum endlos kopierbaren
Bild, Wort, Ton.
Alle Kunst ist reproduzierbar,
nur eines aber nicht –
die Zeit, der Impuls,
in dem der Funke Inspiration
das Feuer deines Geistes entzündete,
das magische Momentum,
in dem der Schöpfer
dich sein ließ wie er,
mit der Ahnung
unerschöpflicher Gestaltungskraft.


Good Old Beach Times

Wellen wogender Wärme
auf der Haut und im Gemüt,
überschäumende Zufriedenheit
im ewigen Tidentakt verebbender Zeit.

Wunschlos rauschendes Augenblickglück,
auf die Netzhaut gezeichnet
wie ein Fußabdruck am Strand,
flüchtige Spur eines Tages aus Salz und Sand.


Sinn Bild

Wenn der Sehnerv
in Erregung gerät,
gereizt von sensitiven Zellen
die Rezeptoren auslöst,
schärft sich die Linse
für ein Momentum Ewigkeit –
visuelle Brechung
der Wirklichkeit, der Zeit.

Wellenlanger Impuls
von Licht als Empfindung,
die ihr Spektrum erweitert
zur okularen Signatur –
Abbild, das sich zwischen
Netzhaut und Hornhaut schiebt,
ins Gedächtnis prägt, nackt,
als Wasserzeichen, von Sinnen.


Ceci n’est pas une photo

Ist Realität am Ende
nur ein imaginierter Raum?

Eine Hand voll Zeit,
die sich vervielfältigt
ins Unendliche?

Welches Bild ist Abbildung
oder Einbildung
oder beides zugleich?

Was liegt hinter dem Blick
und vor dem Betrachten?

Hat je einer das Dazwischen
fotografiert, das sich
im Schacht entwickelt?

Ein Polaroid vom Polaroid
vom Polaroid vom …
träumt es in sich hinein
oder aus sich heraus?

Hat Wirklichkeit
eine Wahrscheinlichkeit?

Wer bannt oder verbannt sie?
Spiegel? Reflex?


Postkarte postscriptum

Eine Gondel gleitet gemächlich
in den geduldigen Sucher.
Schwanengleich schiebt sie sich
vor die fotogensten Kulissen der Welt
als schwebendes Stilleben.

Hinter dem Schnappschuss Idylle
lauert das nervöse Gafferklicken
eines hektischen Kamerachors,
der anschwillt wie der Wasserpegel
in der legendären Lagune,

in deren Herz die Pfähle gerammt sind,
auf denen die alte Stadt schwankt.
Das letzte Postkartenmotiv wird sein,
wie Venedig sich ins Meer stürzt,
versinkend in überflutenden Touristenströmen.


Dancing Chairs

Leere Stühle,
besessen,
beflügelt sogar
von der Sehnsucht
zu tanzen.
Im Rhythmus
von Wimpernschlägen
rotiert Raum
um die Beine,
Rückenlehnen
taumeln befreit,
hölzerne Starre
löst sich auf
in leichte Bewegung.
Ein Walzer von Licht,
ins Unendliche verzerrt.


Basar der Erinnerung

Die Augen schließen,
einen Schatten lang
den überfluteten Sehreiz
dem Gewimmel entziehen
in die Stille, Nähe des Selbst.

Mit allen Sinnen
hinter wehenden Lidtüchern
lautstark mit sich verhandeln
über den Marktwert
von Stimmen, Lauten, Klängen.

Körbeweise Düfte, Farben, Aromen –
den Atem der Gewürze
in der Luft wiegen,
Zimt, Kardamom, Minze
wie Sauerstoff inhalieren.

Edle Stoffe, Steine, Metalle
ertasten mit jeder Pore,
dass sich der Ferne Fülle
wie Rosenwasser
in und unter die Haut reibe.

Ein Hauch Sonne, Lehm,
Staub, Salz und das Geheimnis,
wie Fremde Heimat wird,
zum inneren Ort voller Gassen,
durch die Menschen tanzen.

Die Augen öffnen dann,
angereichert mit Lebendigkeit.
Jetzt aus dem Basar
an Eindrücken schöpfen,
aus Bewusstsein, brunnentief.

Fotografien als Quellen,
aus denen Erinnern entspringt –
Tropfen Sein,
der Vergänglichkeit höhlt,
den Durst stillt nach Sinn.


Der Fotograf lebt auf dem Planeten Auge

Mag die Erde
noch so rund sein,
der Schauende
polaroidisiert die Welt
zur Scheibe.
Die Wirklichkeit
ist flach,
zweidimensional,
begrenzt von weißen Rändern.


Flammender Appell

Esther Bejarano gewidmet
Denk ich an Deutschland in der Nacht,
dann wird mir oft jetzt angst und bange,
dass sich neuer Flächenbrand entfacht
von Dummheit und Gewalt, schon lange
spuken ewig gestrige Geister wieder
durch das Land. Henker und Vernichter
brennen Flüchtlingsunterkünfte nieder.
Von Furcht erfüllt sind die Gesichter
Fremder, die Heimat suchen, Schutz.
Umzingelt nun von blindem Hass, Zorn,
der Menschen und Würde beschmutzt.
Beginnen die Grausamkeiten von vorn?

Ist all das Leid vergessen, das Sterben
dass Ausgegrenzten hier widerfuhr,
Legt das blutrünstige, qualvolle Erbe
nicht endlich eine Verantwortungsspur?
Jedem Unrecht und völkischem Wahn,
muss unser Volk sich entgegenstellen.
Zündet Wut die Häuser der Freiheit an,
müssen wir drohendes Dunkel erhellen
mit Fackeln voller Empathie und Mut,
bis überall Feuer der Liebe entbrennen
für die Verfolgten, dass sie in der Glut
zuletzt doch Wärme, Nähe erkennen.

Merke: Widerstehe in solchen Nächten
dem Auflodern von finstersten Mächten,
geh aufrecht voran, leuchte, sei bereit,
folge nur einer Fahne: Menschlichkeit.


Refugee TV

Wie viel verzweifelten Mut
muss man aufbringen,
um so viel quälende Angst
zu überwinden,
das eigene Leben
und das seiner Kinder
den weiten, tiefen Wassern
anzuvertrauen,
die keine Balken haben
außer den brüchigen
von Schlepperbooten.

Flucht vor dem sicheren Tod
in den wahrscheinlichen Tod,
weil die, die ein Zuhause haben,
die weder Krieg noch Verfolgung
noch Hunger fürchten müssen,
anstatt den Hoffenden
rettende Hände zu reichen,
lieber ungerührt von deren Schicksal,
vom Hafen ihrer Sofas aus
über den verengten Horizont
ihrer Smart TVs gaffen,
wie Menschen nach dem Verlust
von Heimat auf der Suche
nach Heimat ertrinken
im Meer der Unmenschlichkeit.

Mein zerrissenes Herz,
aufgewühlt wie die See,
starrt fassungslos erstarrt
vor Schuld und Scham
auf nasse Massengräber.


Stars and Stripes decodiert

Rassismus so weit das Auge reicht
im Land der unbegrenzten Ausgrenzungen,
wo heute Diskriminierung, Demütigung, Lügen herrschen.
Ein alter stolzer Stammeshäuptling aus Holz
hält standhaft Wache vor einem Souvenirshop
am Highway der zerbrochenen Träume.

Das Sternenbanner hängt zerschlissen,
leblos, sinnlos, würdelos am Marterpfahl –
Symbol des Untergangs ursprünglicher Kultur.
Die Sterne weiße Kreuze in Wahrheit,
die Streifen Blutspuren, die bezeugen,
worauf die Staaten tatsächlich gebaut sind.

Die indigenen Wurzeln der Weisheit ausgerissen
mit hasserfüllter, erbarmungsloser Waffengewalt,
die zuschlug im feigen Feuerwasserhinterhalt.
Das Andere, das Fremde immer schon bekämpft
von weißer Überheblichkeit und Ignoranz.
Wie viele Tote noch wollt ihr beweinen?

Stumme Sklavenschreie und klirrende Ketten
hallen von Baumwollfeldern, aus der Prärie
bis in die Gegenwart der schwarzen Ghettos,
der roten Reservate, bis an die Zäune Mexikos.
Chief Seattle, Pancho Villa, Martin Luther King,
erhebt euch aus euren Gräbern und führt das Volk.

Reißt den Misanthropen die Masken des Zorn herunter,
die weißen Kapuzen und Kutten entzündet zu Fackeln,
leuchtet euren Brüdern, Schwestern damit den Weg
aus dem Dunkel ans Licht der Freiheit und Gleichheit.
Vereinigt die Herzen zu Staaten, zu Ehren der Opfer,
verschwört euch zur Liebe, zu neuen Hüter des Geistes.

Schwört den ewigen Bund der Menschenrechte- und würde,
sprecht die wahrhaftigen Worte aus, so lange, bis jeder sie lebt:
RED LIVES MATTER – BLACK LIVES MATTER
LATINO LIVES MATTER – ALL LIVES MATTER


Jagdfieber

Retina Radar, leise lauernd –
Nervenblitze auf der Netzhaut
lesen Raum und Zeit wie Fährten,
pirschen sich ran an Ereignis.

Die Jäger Auge und Hand,
simultan gebannt in Synchronität,
das noch Unsichtbare im Fadenkreuz,
gespannt wie ein Pfeil im Bogen.

Sensibilisiert für spontane Reaktion,
den auslösenden Moment,
wenn der Impuls zuschnappt,
ein gezielter Schuss das Bild erlegt.


Lolaroid-Phantasie

Varieté der Televisionen –
heute erscheint euch
die verruchte Göttin Marlene,
die jedem Kerl den Kopf verdreht.

Selbst Professoren wickelt sie
mit ihrem Strumpfband ein,
das nach verbotener Lust duftet,
soweit die Nylonnaht reicht.

Gelb vor Neid
werden die anderen Weiber,
wenn die fesche Lola
ihre Blicke auswirft wie Netze.

Schon zappeln die Männer darin,
buhlen im Liebesrausch
um die seltene Gunst,
an ihrem Kussmund zu nippen.

Je später die Nacht,
desto größer das Frauenfieber,
das Lola entfacht,
wen es erwischt, ist verloren.

Im Wahn, der Leiden schafft,
bleibt als einzige Rettung,
ihr Gesicht sich einzuprägen
für eine kurze Ewigkeit.

Schließt man die Augen dann,
sind Schmerz und Sehnsucht eins,
brennt sich der blaue Engel
als Bild des Begehrens auf die Netzhaut.


Das Wunder von Köln

Tempel moderner Kunst,
grenzenlosen Denkens.
Vis-a-vis
Kathedrale alten Glaubens,
verengten Horizonts,
aufgetürmt im Zeitfenster
eines Augenblicks.

Eine göttliche Fügung bannt
das Trugbild des Moments,
das wie aus heiterem Himmel
Kultur und Kirche zu vereinen,
zu versöhnen scheint –
fotografische Segnung.

Als hielte die irdische Welt
der dreifaltigen Allmacht
den spirituellen Spiegel vor,
um des Menschen Schöpferkraft
endlich auch heilig zu sprechen
im Namen der Augen,
der Hände, des freien Geistes.


Mittag bricht wie Marmor

Der Mittag bricht wie Marmor,
ein Spalt Sommer öffnet sich,
dringt zersplittert durch Lamellen
einer Küchenjalousie.
Metallischer Moment,
der aufblitzt, Licht hobelt
wie Späne von Parmesan,
die auf einen Teller fallen,
in dampfenden Duft von
Rosmarin, Salbei, Oregano.
Für den Bruchteil eines Blicks
schmeckt der Sehende Zeit –
kaum ein Blinzeln lang.


Little Heroes

Plastiksoldaten
auf dem Schlachtfeld
der Bilder,
abgeschossen
mit einer
alten Kamera,
die keine Gnade kennt
im Krieg der Momente,
die überleben wollen.
Ein Stapel Polaroids
als Massengrab für
heimatlose Helden.


Morituri te salutant

Wir erzählen uns Geschichten,
die jüngeren in Farbe,
ältere in Schwarz-Weiß.
Wir erzählen von Menschen,
die wir kannten und liebten,
wir erzählen von Menschen,
die wir nur aus Erzählungen kennen,
von anderen geliebt.

Wir heben verborgene Leben
aus Kisten und Kartons,
machen uns durch Bilder
ein Bild von Personen,
Persönlichkeiten,
kurz dem Vergessen entrissen,
dem Schicksal, das sie mit uns teilen,
das wir weitervererben.

Jeder entsteht und verschwindet.
Im fotografischen Gedächtnis allein
Sepia-Spuren von Sein,
Gesichter wie Schatten der Erinnerung.
Fremde Verwandte
ein und derselben Geschichte sind wir
– Schnappschussexistenzen –

Verblichene


Aus heiterem Himmel (Ein Epitaph)

HEILIGE KRIEGE

Was in aller Welt
könnte unheiliger sein
als blindwütiges Töten,
als Kreuzzüge von Hass,
sei es im Namen von
Göttern oder Götzen?

Ob Glaube oder Geld,
wo Mächte Menschen
verführen, beherrschen,
Geist und Seele befallen
wie Gifte, wie Seuchen,
ist das Sterben nicht weit.

Die Kathedralen des Kapitals
wie der Religionen schwanken,
ihre Türme bersten, stürzen
im finalen Flammenmeer
von Fanatismus und Gier.

Alle Glut erkaltet zu Asche, zu Staub
beschriftet mit unzähligen Namen,
deren Stimmen nicht verstummen.


photos graphein

Gedanke eines Fotografen im Strandkorb
Aus dem Meer der Momente
mit dem Blick des Staunenden
das Wesentliche fischen,
erweiterten Horizont vielleicht
oder wolkenlose Bläue,
wellenkämmende Tiefe,
etwas wie Schöpfung.

Im Sand der Zeit,
der durchs unstete Auge rinnt,
im kleinsten Korn noch
Wahrheit und Wirklichkeit finden,
ein wenig Gehalt und Gewicht,
um Leben zu spüren, wie es ist,
schwer und leicht zugleich.

Ruhe finden im Takt der Gezeiten,
in der sanften Brise des Atems,
der an Land und zu See will,
Willkommen und Abschied
der wunderbaren befristeten Reise,
die zu kurz ist, sich ihres Wertes
würdig zu erweisen.

Das alles jetzt und hier
in diesem Augenblick
des Bewusstseins von Glück
festhalten, loslassen, verewigen –

mit Licht zeichnen.

φωτός γράφειν


Sundowner

Die Sonne eine Limettenscheibe
am Zuckerrand des Glases.
Jetzt etwas am Glück nippen,
nur keine Gier.
Ein Strohhalm tanzt
durch den Longdrink –
himmelblau –
gemischt aus Licht und Zeit.

Ein Kitzeln auf der Zunge,
als würde das Leben
gerade erst frisch gepresst,
mit braunem Tequila aufgefüllt.
Stundenwürfel klirren sanft,
schmelzen sorglos dahin,
lösen sich auf, wolkengleich.

Wie ein Wimpernschlag
geht der Tag zur Neige,
auch der Sommer nurmehr
ein lächelndes Blinzeln.
Im letzten Schluck letzte Süße,
fast herb. Es ist spät.

Ein Rest von Rausch.
Flammend rot dämmert das Dasein,
schmeckt bereits nach Herbst.


Kretas Kreuzwege

Komm, kretischer Gast,
die Insel lädt ein,
sie zu erkunden
und mit jedem Schritt
ein Stück weit dich selbst.
Öffne die Kapelle deines Herzens,
bis dein Inneres erklingt,
lange nachhallt.

Höre die Stimmen, Gebete,
du einsamer Wanderer,
all derer, die vor dir hier gingen,
wie sie deinen Namen flüstern
vom Wegesrand
als würden sie dich
kennen seit langem
als Bruder, als Freund.

Kreise um die eine Frage,
die du dir stets stellst
in der Stille des Ich,
die alle Suchenden vereint.
Trage das Kreuz, wie jeder,
dass du keine Antwort findest,
dass das Gehen allein dich
ihr näher bringt.

Der einzige Weg zum
Gipfel des Glaubens
führt durch die Schluchten
all deiner Zweifel.

Erkenne zuletzt,
Du bist Pilger wie wir alle,
auf dem steinigen Pfad
hinauf zum Selbst,

und zu jener Macht,
die dich hierher führte,
damit du schließlich befreit
alles hinter dir lässt.


Neuses Gravur

In die Polaroidkamera springen
wie in H.G. Wells Zeitmaschine,
auf der Suche nach der
gelebten, der geliebten Zeit.
Alle Momente und Motive
auf einmal vor Augen –
ein Kaleidoskop von Bildern,
in dem das Suchen endlich
Finden werden darf.

Eines unbekannten Tages
wirft der Schacht der Kamera
das Porträt eines Fremden aus,
das sich nach und nach entwickelt
zu abertausenden Porträts
des rastlosen Mannes,
mit drei Augen gesegnet,
zwei zum Sehen geboren,
eines zum Dokumentieren
all dessen, was so flüchtig ist.

Weiß gerahmtes Spiegelbild
aus verbundenen Zerrissenheiten,
den Abenteuern, den Reisen
in die Welt, durch den Kopf
und wieder zurück mit der Frage:
Wohin führt meine Spur?
Des Menschen Wesen gebannt,
in ewiger Jugend, ewigem Alter,
als fotogravierte Verinnerung.


Kurs

Im Ozean des Lebens
mit all seinen Stürmen und Flauten,
unter dem weiten Himmel
der Gedankensterne,
die das Sein mal neugierig, mutig
mal ängstlich, ziellos navigieren,
in den meerestiefen Strömungen
der Gefühle, wo Schwärme
bunt schillernder Fischen mal
Freiheit durchschwimmen,
mal in unsichtbaren Netzen zappeln,
ist stets Glaube mein Boot,
Hoffnung mein Ruder,
Liebe mein Anker,
mein Hafen das Wort.


Melting Hands

Hände, ringend
mit Chemie und Magnetron,
erhitzt zum Bild,
dessen Haut bricht, Blasen wirft
im Wellenspiel der Ionen.

In Risse zerfaserte
Lebenslinien,
erstarrt zum Fotorhizom,
verwurzelt im Blick.

Hände, ringend
um Bedeutung und Dauer,
im Unsichtbaren
zum Gebet gefaltet –
elektromagnetische Ikonen.


GROEN – Assimilation

Ein großes grünes Gummikrokodil,
verlangt vom Leben gar nicht viel.

Einmal nur reisen ins ferne Holland,
auf dem Rücken liegen, entspannt
sich recken und lang ausstrecken
in grüne Gräser, Büsche, Hecken.

Was soll ich am Ganges oder am Nil?
fragt sich das große Gummikrokodil.

Holland ist – wie ich – so schön „groen“,
da bin ich sofort als integriert angesehn.


Women under pressure

Polaroidmaskerade.

Verwischte Gesichter,
als wären sie
Geister ihrer selbst.

Frauen, fragile Wesen,
flüchtig skizzierte
Leinwandleben – Scheinsein,

ins Unnahbare porträtiert,
auf der ständigen Suche
nach Selbstbildern.

Wahrnehmung
des ewig Weiblichen
als verzerrte Vielschichtigkeit,

die dem Druck des Schönseins
nicht standhält, sich auflöst
endlich in befreiende Luft.